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Wie eine Teemischung entsteht

Ein Einblick in die Entwicklung neuer Teemischungen, bei der Geschmack, Intuition und Experimentierfreude zusammenfinden. 

Einige der besten Ideen für neue Teemischungen hat Christian Lehmann, wenn er gerade gar keinen Tee vor sich hat. 

Beim Schwimmen etwa, beim Laufen oder in einem dieser seltenen Momente, in denen der Kopf frei ist und die Gedanken nicht schon beim nächsten Termin sind. 

Chris kocht leidenschaftlich gern. Tatsächlich hat die Entwicklung einer Teemischung viel mit dem Kreieren eines neuen Gerichts gemeinsam. Beides beginnt mit einer Vorstellung davon, wie etwas schmecken soll. Dann gilt es, die passenden Zutaten zu finden und herauszufinden, wie sie am besten zusammenpassen. 

„Der Prozess beginnt in meinem Kopf“, erklärt er. „Wenn man den Kopf frei hat und nicht mit anderen Dingen beschäftigt ist, kann man darüber nachdenken, welche Aromen und Kombinationen funktionieren könnten.“ 

Noch bevor er die ersten Zutaten in die Hand nimmt, hat er bereits eine Vorstellung davon, in welchen Mengen er sie einsetzen möchte und wie ihre Aromen zusammenspielen. Allerdings lässt sich nicht jede Idee umsetzen. 

„Bestimmte Zutaten können wir für Tee nicht verwenden, weil es einfach nicht funktionieren würde.“ Manche sind schwer zu beschaffen, andere gibt es schlichtweg nicht in einer geeigneten getrockneten Form. 

Eine Idee kann in der Theorie wunderbar klingen. Sie so umzusetzen, dass sie auch in der Tasse überzeugt, ist eine andere Herausforderung. 

Die richtige Balance zwischen den Aromen finden

Sobald die geschmackliche Richtung feststeht, beginnt das Experimentieren. 

Anstatt getrocknete Teeblätter, Früchte, Kräuter und Gewürze direkt miteinander zu vermischen, brüht Chris manchmal die Zutaten zunächst einzeln auf und kombiniert anschließend die Aufgüsse. So findet er heraus, wie ihre Aromen zusammenpassen. 

Mit dieser Methode kann er die Mengenverhältnisse gezielt anpassen, einzelne Aromen stärker hervorheben oder andere etwas zurücknehmen, ohne jedes Mal die gesamte Mischung neu zusammenstellen zu müssen. 

Schon kleine Anpassungen können einen erstaunlich großen Unterschied machen. 

„Es gibt immer Zutaten, die man besonders hervorheben oder geschmacklich ausbalancieren möchte“, erklärt er. „Gerade bei Gewürzen sollte man darauf achten, dass keines die übrigen Aromen überdeckt.“ 

Masala Spice Chai ist dafür ein gutes Beispiel. Nelken gehören zu den intensivsten Zutaten dieser Mischung. Selbst in kleinen Mengen können sie den Geschmack dominieren. Ist ihr Anteil zu hoch, treten die anderen Gewürze in den Hintergrund. Ist er zu niedrig, fehlt der Mischung eine wichtigeGeschmacksnote. 

Um die perfekte Balance zu finden, genügt es deshalb nicht, nur den Geschmack jeder einzelnen Zutat zu kennen. Entscheidend ist auch, zu verstehen, wie sich die Aromen gegenseitig beeinflussen und gemeinsam entfalten. 

Manchmal überzeugt schon der erste Versuch. Andere Mischungen brauchen drei, vier oder sogar fünf Entwicklungsrunden, bis das Ergebnis stimmt. 

Mit der Erfahrung wächst das Gespür für die richtigen Mengenverhältnisse. Und manchmal zeigt sich am Ende, dass die ursprüngliche Idee doch die beste war. 

Chris erinnert sich an eine kürzlich entwickelte Mischung aus Kurkuma und Mandarine. Das Team probierte eine zweite Variante mit weniger Kardamom und einer dezenteren Mandarinennote aus. Die Wahl fiel schließlich auf sein ursprüngliches Rezept. 

„Ich war mir eigentlich sicher, dass die erste Version funktionieren würde“, erzählt er. 

Doch eine geschmacklich überzeugende Teemischung zu entwickeln, ist erst die halbe Arbeit. 

 

Die Herausforderung des gleichbleibenden Geschmacks 

Eine besonders interessante Erkenntnis aus unserem Gespräch: Die größte Herausforderung liegt nicht unbedingt darin, eine neue Teemischung zu entwickeln. Anspruchsvoller kann es sein, ihren charakteristischen Geschmack über Jahre hinweg zu bewahren. 

„Etwas zu kreieren, ist das eine“, erklärt Chris. Besonders schwierig sei es, ein gleichbleibendes Geschmacksprofil zu erzielen, obwohl sich die verwendeten Zutaten von Ernte zu Ernte verändern. 

„Ich denke, das ist wahrscheinlich die größte Herausforderung. Man muss die saisonalen Unterschiede und die Unterschiede zwischen den einzelnen Tee-Ernten ausgleichen, aber auch die Schwankungen bei den anderen Zutaten berücksichtigen.“ 

Tee ist ein Naturprodukt, ebenso wie viele andere Zutaten einer Teemischung. Jede Ernte bringt eigene Nuancen mit. Anbaubedingungen, Jahreszeiten und natürliche Unterschiede zwischen den Pflanzen beeinflussen Aroma und Geschmack. 

„Manchmal sind Orangenschalen besonders aromatisch und süß. Bei einer anderen Lieferung schmecken sie dagegen bitterer und herber.“ 

Auch Minze verlangt Fingerspitzengefühl. 

„Moroccan Mint ist immer eine Herausforderung“, erzählt Chris. Bei jeder neuen Charge müssen die Zutaten sorgfältig aufeinander abgestimmt werden, damit der vertraute Geschmack erhalten bleibt. 

Chris vergleicht diesen Prozess mit der Herstellung von Champagner ohne Jahrgangsangabe, dem sogenannten Non-Vintage-Champagner. Dafür kombiniert der Kellermeister Weine verschiedener Jahrgänge, um den charakteristischen Stil des Hauses zu bewahren. 

„Die Aufgabe des Kellermeisters besteht darin, von einer Produktion zur nächsten dasselbe Geschmacksprofil zu erhalten. Das ist anspruchsvoll, weil es sich um ein Naturprodukt handelt, das sich von Jahr zu Jahr und sogar von Saison zu Saison verändert.“ 

Der Vergleich zeigt, wie viel Fachwissen nötig ist, damit eine Mischung gleichbleibend schmeckt. Bei der Entwicklung neuer Produkte denken wir meist zuerst an Kreativität und Inspiration. Doch auch einen vertrauten Geschmack immer wieder zu treffen, erfordert besonderes Können, gerade weil die Zutaten nie vollkommen identisch sind. 

Die Kunst liegt darin, natürliche Schwankungen auszugleichen und dabei den unverwechselbaren Charakter der Teemischung zu bewahren. 

 

Die Freude an neuen Kreationen 

Bei all diesen Herausforderungen gibt es einen wunderbar einfachen Grund, warum Chris so gern neue Teemischungen entwickelt: Er liebt es, mit Aromen zu experimentieren. 

„Wenn genug Zeit zur Verfügung steht, freue ich mich besonders darauf. Dann kann ich in Ruhe darüber nachdenken.“ 

Enge Fristen lassen dagegen wenig Raum für Kreativität. Sobald Chris jedoch an seinem Arbeitsplatz steht und die Zutaten vor sich hat, ist die Begeisterung wieder da. 

„Genau das liebe ich an diesen Projekten: mit Aromen zu experimentieren und verschiedene Kombinationen auszuprobieren. Beim Kochen ist es genauso.“ 

Es macht ihm Freude, unterschiedliche Zutaten zusammenzubringen und zu entdecken, wie daraus etwas völlig Neues entsteht. Etwas, das mehr ist als die Summe seiner Bestandteile. 

Am liebsten arbeitet er übrigens, wenn alle anderen schon nach Hause gegangen sind. 

„Am besten funktioniert es meistens, wenn alle gegangen sind und ich den Raum für mich habe“, erzählt er. Dann kann er sich ganz auf die Zutaten und die Aromen konzentrieren, ohne abgelenkt zu werden. 

So viel Kreativität, Experimentierfreude und Feinarbeit steckt in einer Teemischung, die wir oft ganz selbstverständlich aufbrühen. 

Ein wenig mehr von der einen Zutat. Etwas weniger von der anderen. Noch einmal probieren und nachjustieren, bis alle Aromen aufeinander abgestimmt sind. 

Dann kommt die nächste Ernte. Und alles beginnt von vorn. 

 

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